Experimentelles Imkern im Zeichen der Liebe

Experimentelles Imkern im Zeichen der Liebe

Der Wind fegt orkanartig über das karge Land des kleinen Dorfs Cervera del Maestre, das im Osten Spaniens liegt. Er wirbelt Sand vom ausgetrockneten Boden auf und biegt die Äste der Pinien Richtung Boden. Doch das hindert den Künstler Juan Petry nicht. Der Fünfzigjährige sucht nach einem geeigneten Standort für seine Bienenkästen. Die sonnengegerbte Haut des Künstlers verrät, dass der Deutsche schon seit einigen Jahrzehnten in Spanien lebt. Seit März diesen Jahres ist er in der Region Castellón unterwegs. Sein Ziel: Interessierte finden, um auf deren Grundstücke leere Bienenkästen aufzustellen. Frei schwärmende Bienen sollen darin einen „sozialen Raum für
persönliches Glück“ finden. Heute ist er dafür bei Oskar. Der kauzige Schwabe hat auf den trockenen Boden Spaniens eine Finca gebaut. Sein weitläufiges Grundstück bietet reichlich Platz für summende Untermieter.

Petry lernte das Imkern vor vier Jahren. In diesem Frühjahr startete er ein Projekt, das ihm besonders am Herzen liegt: die Abejas de amor. Schwärmende Bienenvölker, die durch Zufall auf seine Kästen treffen, finden hier einen besonderen Rückzugsort. Die Überlegung von Petry war: „Wie kann ich den Bienen eine Ressource bereitstellen, damit sie meine Obstbäume bestäuben?“. Seine Antwort ist für einen Imker unüblich: „Bei mir können die Bienen den Honig behalten. Ich stelle ihnen ein Haus zur Verfügung, lasse sie aber in Ruhe. Dafür bestäuben sie mir meine
Obstbäume.“

Etwas abseits vom Haus von Oskar werden die beiden Bienenkästen auf ihre neuen Bewohner warten. Oskar, der aus Deutschland den festen Händedruck und den schwäbischen Akzent mitgebracht hat, ebnet den Boden für das zukünftige Bienendomizil ein. Sein Grundstück ist terrassiert. Johannesbrotbäume, Pinien und ein paar Mandelbäume wachsen hier. An einer Terrassenstufe, etwas abseits vom Weg werden die Kästen auf zwei Betonsteinen aufgebockt. Die Einflugfenster schauen nach Osten. „Die Ausrichtung der Kästen ist optimal“, lobt Petry den Standort: „Morgens weckt die Sonne die Bienen und mittags sorgen die Pinien für ausreichend
Schatten. Auch die Bienen können so eine angenehme Siesta verbringen.“ In der Sommerhitze Spanien ist das die richtige Mischung, um den Tag zu verbringen. „Und sie haben Meerblick“, freut sich Oskar, der keinerlei Erfahrungen im Imkern mitbringt. Das Projekt möchte er trotzdem unterstützen. Er ist gespannt, ob überhaupt ein Volk in „seine“ Kästen einziehen wird. Kurz lacht der Schwabe auf: „Nur stechen sollen sie mich nicht“.

„Ich finde, auch Bienen haben ein Recht auf persönliches Glück“, erklärt Petry sein Projekt. „Ich stelle den Raum zur Verfügung, in dem sich die Bienen von der industriellen Ausbeutung erholen können“. Die Insekten behalten den Honig und kommen so gestärkt durch den Winter. „Im Frühjahr teilt sich das Volk, wenn es groß genug ist.“ Petry weiß, dass das Teilen eines Volkes normalerweise unterbunden wird von Imkern. „Wenn ein Teil des Volkes ausschwärmt, verliert der Imker dadurch auch einen Teil seiner Existenzgrundlage. Schließlich ist er ökonomisch von ihren Völkern abhängig.“ Petry möchte seinen Bienen genau das ermöglichen: „Durch das Ausschwärmen der
Völker und der Suche nach einem neuen Stock, wird die Brut unterbrochen. Eine Pause im Brutverhalten und der Flug zu einem neuen Kasten sorgt für gesunde und starke Völker“, so Petry. Das Schwärmen ist für ihn der natürliche Schutz gegen die Varroamilbe, die den traditionellen Imkern so viele Probleme macht. „Im Flug werden die Milben abgestreift und durch eine Unterbrechung der Brut verlieren die Milben ihre Nahrungsgrundlage“. Die Völker kommen gesund im neuen Kasten an.

Die beiden Männer knien im staubigen Boden. Mit einer Wasserwaage tarieren sie die Kästen aus und beschweren sie mit großen Steinen. Bienen lieben Präzisionsarbeit. Für ihre perfekt ausgearbeiteten, sechseckigen Waben bevorzugen sie einen ebenen Standort. „Mal sehen, in welchem Kasten die ersten Bienen landen werden“, fragt sich Oskar. Petry lacht kurz auf und schlägt die Einrichtung eines Wettbüros vor. [….]

 

Dieser Artikel wurde im Magazin Grünvoll veröffentlicht. Sie können den ganzen Artikel kostenlos unter diesem Link nachlesen. Viel Freude beim Lesen!

Mit jedem Bienenkasten sagt Petry einem Weggefährten “Danke”: “Dafür, dass alles so ist, wie es heute ist.”


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