Natur in Russland bei WM im Hintertreffen

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Natur in Russland bei WM im Hintertreffen

Die ersten Tore sind gefallen, die WM in Russland hat begonnen. Bis zum 15.Juli 2018 werden Millionen Menschen den Blick auf die rollenden Kugel in den Stadien werfen. Doch ein Blick neben die Stadien lohnt sich. Denn neben den Spielstätten gibt es eine unvergleichliche Vielfalt an einzigartigen Lebensräumen und faszinierenden Naturlandschaften. Entlang der WM-Stadien blicken wir an den verschneiten Hügeln des Kaukasus vorbei über die endlosen Weiten der sibirischen Wälder, über Steppen und Moore und folgen den längsten Flüssen Europas. Eine Naturschönheit, die nur aufgrund der unfassbaren Weite des Landes noch existiert. Und die stark bedroht ist. Denn kaum ein Politikum steht in der Prioritätenliste weiter unten, als der Schutz der Umwelt.

Dreh- und Angelpunkt der Weltmeisterschaft ist das Luzhniki-Stadion in Moskau. Hier fand das Eröffnungsspiel statt, hier trifft Deutschland im ersten Gruppenspiel auf Mexiko und hier wird auch das Finale stattfinden. Rund 80km nördlich vom Stadion entfernt, liegt das Taldom-Moor. Es ist eines von vielen wertvollen Moorgebieten Russlands, die zusammen über acht Prozent der Landesfläche bedecken. Intakte Moore sind beachtliche Kohlenstoffspeicher und von globaler Bedeutung: Sie erfüllen eine wichtige Klimaschutzfunktion für die Erde und sind Lebensraum für eine einzigartige Artenvielfalt. Im entwässerten Zustand jedoch (wenn sie beispielsweise in landwirtschaftliche Fläche umgewandelt werden), sind Moore eine gewaltige Quelle von Klima- und Treibhausgasen und anfällig für verheerende Torfbrände.

Der mit Abstand teuerste Austragungsort ist das Stadion in St. Petersburg. Hier gibt es keine Naturschutzgebiete in der Nähe. St. Petersburg gilt als eine der am stärksten verschmutzen Städte Russlands. Die größte Belastung ist hier das Abwasser, von dem trotz einer Kläranlage ein Drittel des städtischen Abwassers ungeklärt in den durch St.Petersburg fließenden Fluss, die Newa, geleitet wird. Da die zudem den Ladogasee entwässert, der durch die vielen Fabrikanlagen extrem verschmutzt ist und der über seine Zubringer selbst das Schmutzwasser zahlreicher Flüsse aufnimmt, wird die Newa doppelt belastet. Hier wird seit Jahren ein Handeln durch die Politik gefordert, um die Gewässerqualität zu erhöhen und den Zustand der Tier- und Pflanzenwelt zu verbessern.

Das Russland trotz der Umweltverschmutzungen und Raubbau der natürlichen Ressourcen Naturlandschaften vorweisen kann, wie man sie an Schönheit und Unberührtheit in der restlichen westlichen Welt nicht mehr antreffen kann, liegt sicherlich nicht an einer vorsorgenden Umweltpolitik. Vielmehr ist dies der endlosen Weite der 17,1 Millionen km² Fläche und dem Fakt zu verdanken, dass eine Erschließung des ganzen Landes durch die vorhandene Wirtschaftskraft einfach noch nicht möglich war. Die offizielle Politik Russlands gefährdet eher den Naturschutz, als dass es ihn schützt: In den Prioritätenlisten stehen Umweltbelange sehr weit unten. Und auch wenn ein Bewusstsein da wäre – wer sollte das umsetzen? Im Umweltministerium arbeiten heute laut Greenpeace Russland 1.900 Mitarbeiter. Im Vergleich dazu waren es in den 1990er Jahren 28.000 Umweltinspektoren, die dort ihren Dienst tätigten.

Wir folgen der deutschen Nationalmannschaft zu ihrem zweiten Gruppenspiel nach Sotschi, paradoxerweise Sommerurlaubsort am Schwarzen Meer und Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Etwa 100 Kilometer östlich davon befindet sich ein außergewöhnlicher Biodiversität-Hotspot, dessen Tragweite sich auch schon weitem durch die Berggipfel erahnen lässt: Der Kaukasus, in dessen Lebensräumen vom Gletscher bis zur Steppe, vom Hochgebirge bis zum Regenwald eine unglaubliche Artenvielfalt von rund 8000 Tier- und Pflanzenarten herrscht. Während im östlichen Kaukasus die letzten Leoparden Europas leben, finden im westlichen Teil die Bergwisente einen sicheren Rückzugsort. Die Fläche des Kaukasus ist riesig, 1,6 mal so groß wie Deutschland. Ebenso riesig sind die Probleme, mit denen die Bevölkerung und die Umwelt dort zu kämpfen haben. Wilderei, Rodung, Infrastrukturprojekte wie Staudämme, Fernstraßen, Tagebergbau, Öl und Gaspipelines sind nur einige der Beispiele. Die Projekte greifen extrem in die Lebensräume der dort (und zum Teil nur dort) ansässig Tier- und Pflanzenwelt ein.

Foto: Sylwia Bartyzel

Kasan ist der nächste Spielort der deutschen Nationalmannschaft. Hier treffen die deutschen Adler auf Südkorea – und wir treffen auf Adler anderer Art. Dafür folgen wir dem Verlauf der Wolga nach Süden in die Region Uljanowsk. An der Mittleren Wolga brüten im Sommer die östlichen Kaiseradler, majestätische Flieger. Mit 450 Vögeln ist die Uljanowsk-Region das wichtigste Brutgebiet in Russland. Während die Kaiseradler in Mitteleuropa fast ausgestorben sind, brütet hier eine der größten Population Europas.

Es gibt also kleine Erfolgsmeldungen, was abseits des Spielfeldrandes der russischen Stadien passiert. Viel passiert durch internationale Hilfe, wie durch den NABU oder den WWF. Doch auch die russische Politik verkündet einen Kurswechsel: So wurde das Jahr 2017 zum „Jahr der Umwelt“ erklärt. Zu den bestehenden 101 Naturschutzgebieten des Landes sollten elf weitere hinzukommen. Verglichen mit dem 50-mal kleineren Deutschland und dessen insgesamt 8.743 Naturschutzgebieten ein lächerlicher Zuwachs. Im „Jahr der Umwelt“ sollte die russische Bevölkerung außerdem die Mülltrennung nach deutschem Vorbild lernen und Geld in die Umwelterziehung gesteckt werden. Insgesamt wurden 3,5 Milliarden Euro für das Umweltjahr bereitgestellt.

3,5 Milliarden Euro klingen nach nicht wenig Geld. Aber verglichen mit den Kosten für die WM zeigt es die Prioritäten der Politik. Allein für den Bau von sieben neuen Stadien (darunter das Skandal-Stadion von St. Petersburg mit Kosten von 800 Millionen Euro) und dem Umbau des Zentralstadions in Jekaterinburg wurden insgesamt 2,4 Billionen Euro ausgegeben. Also 2.464 Milliarden Euro. Da erscheinen die 3,5 Milliarden Euro für den Naturschutz im letzten Jahr fast als PR-Gag.

Der Erfolg der deutschen Adler ist ungewiss. Doch sollte es mal schlecht laufen: Auch aus dem Hintertreffen lässt sich ein Spiel drehen.
Die Zukunft der östlichen Adler ist ungewiss. Doch aus eigener Kraft kann die Natur nicht gewinnen.

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